3-Stunden-Etappen

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Skeds

Etappe 4, Tag 16 Blog-Eintrag von Kenny

Mit das Grausamste an dieser Regatta sind die „Scheds“ alle 3 Stunden. Diese Analysen der letzten 3 Stunden, in denen die Statistiken und die exakten Positionen aller Teilnehmer dargestellt sind, bekommen wir jeweils vom Volvo-Hauptquartier. Wir geben die Werte dann an Bord des PUMA-Boots in ein Datenblatt ein und diskutieren die enthaltenen Informationen bis ins kleinste Detail. Das ist ein wichtiges taktisches Hilfsmittel, um sich innerhalb der Flotte einen Vorteil zu verschaffen.

Einerseits bleibt dadurch alles noch spannender. Man vergisst nie, dass man um die Wette segelt. Ich werde oft gefragt, ob eine Weltumsegelung nicht langweilig ist, aber für Langeweile bleibt dank der „Scheds“ alle 3 Stunden gar keine Zeit. Ich habe schon unzählige Male gesagt, dass das hier eigentlich keine Distanzregatta ist, sondern eine Serie von 3-stündigen Tagesregatten. Und zwar eine ziemlich lange Serie!

Die „Scheds“ halten uns also ständig auf Trab, aber sie spielen auch mit unseren Emotionen. Ein Beispiel: In den letzten Tagen haben wir von unserer östlicheren Position profitiert und Telefónica und CAMPER immer weiter hinter uns gelassen. Das versetzte uns alle in Hochstimmung. Ihre Messwerte sahen zwar gut aus und sie blieben uns dicht auf den Fersen, aber aufgrund des besseren Winkels zum Wind auf der äußeren Seite des Hochs war das nur logisch. Solange wir unseren Vorsprung weiter ausbauen konnten, wäre alles bestens.

Außerdem hatten wir ja die Groupama fast auf gleichem Kurs vor uns, die uns den Weg ebnete. Wir konnten uns alle 3 Stunden ihre Windinformationen ansehen und dann anhand des Wetters und ihrer Leistung entscheiden, ob wir genauso verfahren oder höher oder niedriger am Wind segeln wollten. Ein Kinderspiel, oder?

Doch dann kamen zwei Sturmfronten, die es in sich hatten. Die Regenstürme kamen völlig überraschend und nahmen uns buchstäblich den Wind aus den Segeln. Das war Mitte letzter Nacht. Wir segelten so vor uns hin und dachten an nichts Böses, als plötzlich ein grüner Fleck so groß wie Texas auf dem Radar auftauchte. Und es gab kein Ausweichen mehr. Innerhalb von 6 Stunden gerieten wir zweimal in die Sturmfront hinein. Und das können wir auch ganz genau belegen. Natürlich anhand des gefürchteten „Sched“, der wie wir alle wussten, schlechte Nachrichten mit sich bringen würde. Zwei aufeinanderfolgende Analysen zeigten, dass wir etwa mit der halben Geschwindigkeit der Konkurrenz segelten, weil wir einen Großteil dieser 6 Stunden mitten in der Nacht und bei strömendem Regen einfach dahin trieben.

Und dann muss man den „Sched“ auch noch verlesen. Wir haben unter der Ruderstation eine Gegensprechanlage, über die Tom oder ich der Besatzung an Deck alle 3 Stunden mitteilen, wie unsere Leistung in diesen 3 Stunden war. Und die schlechten will natürlich niemand verlesen. Manchmal versucht man, sich darum zu drücken und hofft, dass die Jungs an Deck vielleicht vergessen, dass es neue Daten gibt – was sie natürlich nie tun. Wir müssen die schlechten Nachrichten ebenso überbringen wie die guten. Die Jungs sagen, dass man Tom schon bei den ersten Worten anhört, ob der „Sched“ gut oder schlecht ausfällt. Ich habe meine Stimme anscheinend etwas besser unter Kontrolle.

Aber ich muss sagen, dass die beiden Berichte der letzten Nacht die schlimmsten der gesamten bisherigen Regatta waren. Es muss für die Jungs wie ein Schlag in die Magengrube gewesen sein, als sie erkannten, dass das Ergebnis von zwei Wochen Schufterei innerhalb von 6 Stunden einfach dahin war. Oder sollte ich sagen, innerhalb von zwei „Scheds“?

Also, ob es uns gefällt oder nicht, unser gesamtes Leben an Bord ist in 3-stündige Etappen unterteilt, in denen wir auf die nächste gute oder schlechte Nachricht warten.

Und hier die neueste Meldung: „Sched“ Nummer 155 dieser Etappe zeigt, dass PUMA recht unerwartet wieder deutlich aufgeholt hat. Wir konnten uns also zumindest einen kleinen Teil des Vorsprungs zurückerobern, den wir letzte Nacht verloren haben. Das sorgt bei der Crew wieder für bessere Laune – zumindest für die nächsten 3 Stunden.

- Kenny
 

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