Königin von Treasure Beach

  • Verfasst am:
Queen2

Sally Henzell ist berühmt. Bevor ich sie in ihrem Zuhause im weitgehend Touristen-freien Süden von Jamaika besuchte, hörte ich Dinge wie „sie ist bei weitem die kreativste Person, die du je getroffen hast“ und „If Sally there, bwoy you mus cyan leave without an interview“ (etwa „Wenn Sally dort ist, darfst du nicht ohne ein Interview mit ihr abfahren.“) Als ich mich also in Dougies Bar in ihrem erdig-perfekten Resort namens Jakes hinsetzte, war ich hocherfreut, als sie sagte: „Du kannst mich alles fragen, was du willst.“

Auf die Frage, wo sie war, als Jamaika vor 50 Jahren unabhängig wurde, beschrieb sie folgende Szene: „Ich war in der Schule und wir fuhren mit dem Bus hinunter nach MoBay, um Princess Margaret zu sehen, und alle kleinen Mädchen standen dort in kurzen Röckchen und wehten mit Fahnen.“ Dann trinkt sie einen Schluck Rum mit Wasser, klopft mit ihren Fingern auf die Theke der Bar und lacht: „Ach, warte! Ich war 21. Das war etwas anderes! Vergiss das!“. Und das beschreibt wunderbar, worum es geht: Sally ist eine sehr visuelle Person.

Sallys verstorbener Ehemann, Perry Henzell, war Co-Autor, Regisseur und Produzent des Kultfilms „The Harder They Come“ mit seinem unvergesslichen Soundtrack. Sally übernahm bei allen Produktionen und Werbefilmen Perrys die künstlerische Leitung. „Unter künstlerischer Leitung musst du dir die Kostüme, Requisiten, Make-up, Kontinuität und Fotografie vorstellen, einfach alles“, erklärt sie. Und Perry hat mich gleich mehrfach gefeuert!“ Als die Dreharbeiten beendet waren, machte sie sich selbst ein Abschiedsgeschenk: „Ich fertigte mir einen Gürtel aus den benutzten Patronenhülsen und verwendete eine echte für die Schnalle“, sagt sie und zwinkert. „Ich trug diesen Gürtel tief mit meiner violetten Häkelshorts, die so groß waren“, erinnert sie sich und deutet mit ihren Händen an, dass diese Shorts nicht sonderlich groß gewesen sein können.

Sally sagt, dass ihre einzige Vorbereitung auf die künstlerische Leitung die Dekoration von Schaufenstern in der Schweiz war. Ich sehe sie skeptisch an und nippe an meinem köstlichen Rumpunsch. „Weißt du, meine Mutter hatte eine Auswahl an akzeptablen Karrieren für Mädchen ins Auge gefasst und las mir eine Liste derer in alphabetischer Reihenfolge vor. Ich sagte kein Wort, aber als sie bei W angekommen war, sprang ich bei dem Wort „Window Dressing“ (Schaufensterdekoration) aus meinem Stuhl!“ Also wurde Sally in die Schweiz geschickt, denn dort lässt sich die Kunst der Schaufensterdekoration offensichtlich gut erlernen. Ihr erster Job war bei Selfridges, wo sie neun Pfund in der Woche verdiente. „Das ist meine gesamte Ausbildung!“, lacht sie, während wir von der Veranda in das Restaurant zum Abendessen gehen.

Aber keine Ausbildung der Welt kann diese Art von angeborener Sensibilität vermitteln. Jedes Detail im Jake's ist großartig. Helle Mosaike auf zahlreichen Oberflächen, keinerlei harte Kanten und alle Zimmer sind völlig unterschiedlich. Sally wurde bereits als Kind in diesen wunderschönen und entspannten Teil der Insel eingeweiht und verbringt ihre Sommer und viele Urlaubstage in einem bescheidenen Haus, in dem man nur die Wellen hört. „Mein Vater erbaute dieses schmucke Häuschen 1941 und meine Mutter gab sich große Mühe, das Geheimnis um Treasure Beach zu behüten. Sie erzählte den Menschen, es gebe dort Haie und ganz schlechtes Wetter.“ Sallys Erinnerung an diese Zeit ist untrügerisch: „Papa war ein Brillentaucher (auch Schnorchler genannt) und baute seine erste Taucherbrille aus Kalebasse und Gummireifen. Seine Harpune bestand aus zwei Rohrteilen und einem Gummiband. Damit hat er Fische für uns geschossen.“ Und auf dem Plattencover des Albums „The Last Beautiful Girl“ von Matchbox 20 sieht man Sallys Mutter.

Fünfzig Jahre später zeigte jemand auf das Land, auf dem Jake's nun steht, und Sally kaufte es instinktiv. Ohne Zweifel ist ihr Sohn Jason für die Einzigartigkeit des Jake's mit seinen 30 Zimmern und zwei Restaurants verantwortlich. Bevor er an den südlichsten Zipfel der Insel reiste, um auszuhelfen, arbeitete er in einer Bank in Montego Bay. „Ohne Jason hätte niemand jenseits von Mandeville überhaupt etwas von uns gehört“, sagt Sally und lacht dabei herzlich, denn Mandeville ist gar nicht weit weg. Jasons geschäftliches Gespür ist der perfekte Ausgleich für die Kreativität seiner Mutter. Sie war bei der Eröffnung sogar völlig angsterfüllt: „Als die ersten Leute kamen, sprang ich ins Meer und schwamm, und schwamm…!“ Ich wollt eigentlich gar nicht die Zimmer voll haben und Geld verdienen – es war nur so etwas wie ein dreidimensionaler Kunstunterricht für mich.“

Sally träumte zuerst davon, wie Jake's aussehen würde, als sie mit Perry Urlaub in Brasilien machte. „Ich sehe einfach Dinge. Ich habe es genauso aufgezeichnet, wie es jetzt tatsächlich aussieht.“ Sie wollte ihm einen portugiesischen Namen geben, aber entschied sich schließlich für Jake's, denn das war der Name ihres Papageis. Um den Pool so zu bauen, wie sie ihn sich vorgestellt hatte, winkte sie einmal einen zufällig vorbeifahrenden Bagger von der abgelegenen Straße: „Ich rief einfach ‚Du musst mir mal ein Loch graben!‘“ Dafür zahlte sie dem Mann 7000 jamaikanische Dollar, was heute etwa $80 US entspricht.

Nach unserem Abendessen sagt sie: „Das Schicksal spielte seine Rolle und brachte meine Eltern hierher. Ich sagte einmal zu einer Freundin: ‚Stell dir nur vor, ich wäre in England geboren und ein ganz normales Mädchen geworden!‘ Ich hatte ein wunderbares Leben.“ „Ja, wirklich fantastisch“, sagt sie abschließend, als sie hinauf zu einem Baum mit schimmernden Metallkokons blickt, die sie selbst entworfen hat.

Mögt Ihr Jamaika? Besucht den 100m-Laden und holt euch den Jerk-Reggae-Patois-Sonnenschein. (Sonnencreme empfohlen.)